Taschendilemma

Taschendilemma

01.01.2020

Die Tasche abgelegt, die Jacke fliegt auf die Seite, der Schal wird gelockert und die Schuhe in die Ecke gekickt. Zuhause. Endlich zuhause.

Ein erfolgreicher Arbeitstag, zwei Meetings und dazu noch Ilse, die mit hohem Geschnatter ununterbrochen am Telefon hängt.

Der Kopf dröhnt und alles, woran sie denkt, ist ein Glas Wasser und dazu die allerbeste Freundin Ibuprofenia. Reingeworfen und ab ins Bett, die Müdigkeit in Kombination mit den ziehenden Schmerzen verlangt nach Ruhe. Jede Faser ruft nach Ruhe. Was ist das nur für eine rotierende Raserei?

Doch ach, noch nicht. Noch keine Ruhe, wenn sie die Augen schließt. Da sind ja noch die Telefonate, der Ordner mit den Abrechnungen, die Suche nach einer neuen Wohnung, der Abwasch vom gestrigen Abend und der Termin um 18 Uhr zur Besprechung. Nebenbei noch irgendwo einen Moment der Ruhe einzuquetschen erscheint so fremd. Ein normaler Tag. Endlich zuhause?

01.03.20

Doch was bedeutet zuhause sein in dieser Gesellschaft? Immer wieder aufstehen, derselbe auslaugende Trott.

Sei pünktlich, ehrlich, eloquent. Vergiss den Sport nicht! Du musst perfekt sein! Tausend Dinge, die es zu tun gilt und am besten noch so tun, als wären essentielle Sorgen…

einfach wegzuwischen im Strahl der aufgehenden Sonne des Kapitals! Was braucht es mehr!

Welche Freude dieser Tage, keine Möglichkeiten der Ablenkung, alles steht still!

Virus, Virus in der Bahn, wer ist wohl als nächstes dran? Ein sardonisches Grinsen und sie dreht sich einmal um, die dunkel umrandeten Augen starren an die Wand.

Tick, Tack, das Leben verrinnt wie Sand.

Zieht vorüber und doch gibt es nichts, das wirklich kontrollierbar wäre.

Eigentlich sollte sie jetzt am Telefon sein, anrufen, regeln, alles in die Bahnen leiten. Der puckernde Kopfschmerz zieht an ihren Schläfen wie das schiefe C einer Sopranistin. Sie lächelt gequält. Weiter… immer weiter… rasen die Gedanken… Endlich zuhause! im Kerker zuhause?