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Kartoffelfarben

Kartoffelfarbenes Haar. Wie eine frisch gepellte Kartoffel, herausgeputzt, sitzt sie vor einer Eckkneipe und liest Zeitung. Der Wind weht ihr ums Haar und versperrt ihr die Sicht. Immer wieder streicht sie die Haare hinter ihre zu groß geratenen Ohren. Manchmal schnaubt sie. Manchmal setzt sie ab. Faltet die Zeitung zusammen, nippt an ihrem Kaffee. Sie lässt sich bei allem sehr viel Zeit. Sie scheint zwischen Nichts zu unterscheiden. Sie scheint unaufgeregt. Sie scheint mit sich im Reinen.

Oft sind ja Menschen, die vor Kaffees sitzen, im Warten begriffen. Sie warten auf eine Verabredung. Sie warten auf die nächste Mail. Oder sie warten auf das Warten. Oder sie sind völlig frei von alledem.

Sie kann mich nicht bemerken. Mein Blick verhaftet zwar auf ihr, aber späht aus sicherer Entfernung. Ich fühle mich nicht wie ein Stalker, weil diese Frau dazu einlädt. Jeden Blick auf der Straße, der ihr gilt, fängt sie auf, hebt ihn auf, dreht ihn, wendet ihn, und schnürt ihn mit einer goldenen Schleife wieder zusammen. Außer ihrer Haarpracht, und das ist schon eine Pracht, ist alles an ihr prachtvoll und üppig. Ihr Busen, ihre Taille, ihre langen, geschwungenen Beine. Ihre Weiblichkeit, die sie zur Schau stellt, wie eine Frau, der das Leben gefällt.

Es ist unklar, wie lange sie noch hier sitzen wird, der Kellner ignoriert sie.

Saß sie schon öfter hier?, weiß der Kellner, dass es nicht der letzte Kaffee und nur einer von vielen sein wird?, weiß er, dass diese Frau Zeit als etwas anderes begreift, als nur in ihr angestrengt zu sein?

Die Blattfärbung der Laubblätter, sie hineingesetzt, an den Tisch gesetzt, auf diesen Stuhl, wie gemalt, könnte eines Sujets Renoirs entstammen.

Ich nippe selbst an meinem Kaffee, wende mich von ihr ab, aber kann nicht anders als mein gerade begonnenes Manuskript liegen zu lassen und sie weiter zu erforschen. Ich blicke hinunter, aber unter den Lettern des Cafes „Herbstblatt“, sitzt niemand mehr. Als sei sie nur ein Gerücht gewesen, nur einem Tagtraum entsponnen zu sein, wie vom Winde, wie die gefärbten Laubblätter, verweht, lässt sie mich mit der Erinnerung an ihr allein.

Gab es sie denn jemals?, träumte ich sie nur?, ist sie nur eine der Figuren meines Romans?, sinniere ich nur?

Ich eile hinunter, treppab, hinaus, vor die Tür, setze mich an den Tisch, an dem sie saß, sitzen musste, bestelle einen Kaffee, falte eine Zeitung, die da auf dem Tisch liegt, auseinander, und gebe dem Kellner zu verstehen, er solle mir etwas bringen, eine Bestellung aufnehmen:

Was wünschen sie?

Ich wünsche vor allem eine Auskunft. Saß hier bis vor kurzem noch eine Frau. Mit kartoffelfarbenem Haar, langen geschwungenen Beinen, eine Zeitung lesend?

Nicht dass ich mich entsinnen kann, mein Herr, sie sind unser erster Gast am heutigen Tag.

Ist das so?

Voll Verwunderung aber diese Verwunderung schnell wieder in meine Hosentaschen steckend, starre ich ihn noch kurz ungläubig an, setze dann mein Allweltsgesicht auf und bestelle einen Kaffee.

Titelbild : Photo by Miftakhul Rizki on Unsplash