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Wir Lehrkräfte II: Spielleiterin, nicht Regisseurin

Ein Feature-Beitrag von Hüsna.

Es ist der letzte Block an einem Montag. Darstellendes Spiel (DS) findet heute ab 14:30 in der Aula des Berlin-Kolleg statt. Die Aufregung unter den anwesenden Kollegiat*innen ist groß. Alle bemühen sich redlich, doch Kursleiterin Frau Sander ist noch nicht ganz zufrieden: In wenigen Tagen steht die Aufführung der „Dreigroschenoper“ an und es gibt noch viel zu tun. Freundlich, respektvoll und bestimmt erklärt sie Abläufe, geht auf Rückfragen ein und gibt ihre Anweisungen nicht im Stile einer Filmregisseurin, sondern einer Spielleiterin. Auf diesen kleinen, aber feinen Unterschied besteht die Theaterlehrerin.

Frau Sander ist auch über den Unterricht hinaus für ihre Kollegiat*innen da, falls Fragen, Unsicherheiten oder Ängste aufkommen. Ihre Kollegiat*innen berichten viel Positives und bestätigen den Eindruck einer Lehrkraft, die aufmerksam zuhört, zugewandt ist und dabei fürsorglich auftritt. Neben „DS“ unterrichtet sie auch Deutsch und Geschichte. Frau Sander ist schon seit 2005 am Berlin Kolleg (BK) tätig und hat trotzdem eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich, was ihren Weg als Lehrerin angeht. Diese vielfältigen Erfahrungen in ganz verschiedenen Bildungssystemen und Kulturen befähigen sie offensichtlich dazu, gezielt auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Schüler*innen, die am Berlin-Kolleg Kollegiat*innen heißen, einzugehen. Im Interview zeigt sich mehrfach, dass sich Frau Sander sehr bewusst mit den verschiedenen Bedürfnissen und Erwartungen ihrer Schüler auseinandersetzt:

Aus der sozialistischen Bildung über den globalen Süden ans Kolleg

Sie selbst macht ihr Abitur auf dem ersten Bildungsweg der DDR und beginnt ihren Berufsweg auch in diesem System als Lehrerin. Nach einer Tätigkeit auf einer Jugendsportschule sucht sie das große Abenteuer. Es verschlägt sie als Deutschlehrerin in den Auslandsschuldienst, genauer in den Süden Afrikas, nach Namibia. Dort verbringt sie einige Zeit vor allem als Deutschlehrerin und erhält so viele neue Perspektiven auf das Lehren und Lernen. Diese Zeit ist für Frau Sander in beruflicher und persönlicher Hinsicht eine große Bereicherung, die sie bis heute prägt. Sie unterrichtet nun seit beinahe 20 Jahren am BK und wird von ihren Kollegiat*innen als eine sehr offene und aufgeschlossene Lehrer-Persönlichkeit beschrieben. Man merkt ihr an, dass sie gut mit Menschen kann, ihren Kollegiat*innen immer auf Augenhöhe begegnet und trotzdem für Verbindlichkeit sorgt.

Ich versuche, Rücksicht zu nehmen. Jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Das Zwischenmenschliche ist mir sehr wichtig, ich möchte einen guten Umgang mit jedem Menschen schaffen.

Frau Sander im Gespräch mit Hüsna

All diese Qualitäten kommen ihr im Theater-Unterricht ganz besonders zugute. Schließlich müssen die angehenden Schauspielenden in ihren Kursen sich nicht nur im Unterricht auf der Bühne beweisen, sondern am Ende eines Kurses meist auch in der Schüleröffentlichkeit auftreten. Frau Sander organisiert diese Aufführungen, wie zuletzt die bereits erwähnte „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht, selbst. Natürlich führt sie dabei auch Regie. Ihre Rolle als Lehrerin des Darstellenden Spiels bringt es mit sich, dass Frau Sander noch enger mit anderen Menschen zusammenarbeitet als beispielsweise im Deutsch- oder Geschichtsunterricht. Im Recherchegespräch bringt sie auch mehrfach zum Ausdruck, dass diese enge Auseinandersetzung mit den anderen Menschen in ihrem Berufsalltag nicht nach Feierabend aufhört:

Diese Zugewandtheit zu ihren Lernenden, im Fachjargon „ausgeprägte Subjektorientierung“ genannt, ist typisch für Lehrkräfte des Zweiten Bildungswegs, wie eine bildungspolitische Studie aus dem Jahr mit dem Titel „Bildungsverläufe an Abendgymnasien und Kollegs“ aus dem Jahr 2019 nachweist.

Die Zukunft von Frau Sander und ihren Kollegiat*innen

Frau Sander freut sich auch nach 38 Berufsjahren noch immer über jede gelungene Unterrichtsstunde. Für sie ist schon früh klar, dass sie Lehrerin werden will. Rückblickend erzählt sie, der Beruf der Lehrerin sei wohl ihre Bestimmung gewesen. Für die erfahrene Pädagogin zählt dabei nicht in erster Linie, dass jede Person am Kolleg das Abitur auch wirklich schafft, sondern vielmehr, dass alle Kollegiat*innen hier ihre Bestimmung und ihren eigenen Weg finden. Sie selbst erwähnt in diesem Zusammenhang, selbst einige wundervolle Freund*innen zu haben, die nicht das Abitur abgelegt hätten. Jeder solle seiner eigenen „Bestimmung“ nachgehen und das tun, was ihn glücklich mache.

Aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit am Kolleg hat Frau Sander auch einen guten Überblick über die Veränderungen, die in der Kollegiatenschaft über die Jahre stattgefunden haben. Anfangs waren die Kollegiat*innen im Vergleich zu heute etwas älter und standen meist mitten im Berufsleben. Das hat sich seitdem verändert. Die heutigen Lernenden am Kolleg machen das Abitur meist direkt im Anschluss an eine Ausbildung oder befinden sich in persönlichen Umbruchsituationen. Diese Unterschiede wirken sich auch auf die Unterrichtsgestaltung aus, weil die Bedürfnisse der Schüler*innen jetzt andere sind. Ein Umgang auf Augenhöhe und mit viel Fingerspitzengefühl für die persönliche Situation der Kollegiat*innen ist dabei wichtiger denn je.

Nach Erfahrungen mit verschiedenen Schulformen möchte Frau Sander den Rest ihrer Laufbahn am Berlin-Kolleg unterrichten. Ihr gefällt besonders, dass das Kolleg vielen Menschen, die früher wie heute häufig nicht aus klassischen Bildungshaushalten stammen, neue Lebenswege und -chancen eröffnet. Etwa die Möglichkeit, studieren zu können oder bessere Berufschancen zu erlangen. Eine aufgeschlossene und offenherzige Lehrkraft, die wie Frau Sander großen Wert auf das Wohlbefinden aller Beteiligten legt, kann eine wichtige Rolle dabei spielen, dass Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen ihren zweiten Bildungs-Weg erfolgreich zu Ende gehen und ihre persönliche Zukunftsvision finden und auch erreichen können.