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Wir Kollegiat*innen: Amir (Teil 5 von 7)

Amir ist wie viele Menschen im Zweiten Bildungsweg nicht in Deutschland geboren worden. Er erblickt im Jahr 2000 in Teheran, der Hauptstadt Irans, als Einzelkind das Licht der Welt. Sein Vater arbeitet dort als Autohändler, seine Mutter als Hausfrau, beide Eltern haben im Iran das Abitur gemacht. Auch deshalb ist ihm schon früh bewusst, dass er ebenfalls sein Abitur machen möchte. Zunächst schließt Amir in seinem Heimatland deshalb die elfte Klasse ab.

       „Für mich war immer klar mein Abitur zu machen, so gilt man traditionell im Iran als angesehen.“

AMIR, Kollegiat am Berlin kolleg im Frühjahr 2023

Damals will er Ingenieurwesen studieren, heute lässt er sich das offen. Im Sommer 2017 kommt Amir nach Deutschland und fängt, was seine deutschen Sprachkenntnisse betrifft, bei Null an. Er besucht von November 2017 bis Juli 2018 eine so genannte „Wilkommensklasse“, die jungen Menschen wie Amir auch mit Hilfe eines hohen Anteils an Sprachunterricht helfen soll, sich in Deutschland besser zurechtzufinden.

Im August 2018 schließlich beginnt Amir den Vorbereitungskurs am Berlin-Kolleg und im darauffolgenden Herbst die E-Phase. Amirs Schülerpersönlichkeit ist dabei ziemlich einzigartig. Im normalen Unterricht, etwa in Fächern wie Deutsch oder Mathe, kann man Amir als sehr disziplinierten und eher ruhigen Schüler kennenlernen, wohingegen er im Fach Darstellendes Spiel viel extrovertierter wirkt und richtig aus sich herauskommt.

Trotz der zahlreichen Hilfsangebote am Kolleg fällt es ihm jedoch nicht immer leicht, mit dem Stoff mitzukommen, bald machen sich erste Lernschwierigkeiten bei ihm bemerkbar. Auch merkt er zu spät, dass seine ursprüngliche Leistungskurswahl Mathematik für ihn doch nicht die richtige gewesen ist.

Auszeit und Neustart

Im August 2020 schließlich wird Amir der zunehmende Leistungsdruck zu viel und er entscheidet sich dafür, seinen Weg zum Abitur für einige Zeit zu pausieren. Mit dieser Entscheidung ist Amir bei weitem nicht allein. Unterbrechungsphasen wie bei ihm kommen unter Kollegiat*innen sogar relativ häufig vor. Charakteristisch für den zweiten Bildungsweg ist es dabei, dass den Lernenden bei Problemen Alternativen angeboten werden, um einen totalen Schulabbruch zu verhindern. In einigen Fällen, so wie bei Amir, kann eine zeitweilige Unterbrechung der richtige Weg sein. Und das so etwas vorkommt, ist auch nicht wirklich überraschend. Schließlich bringt das Leben junger Erwachsener auch im Vergleich zum eher behüteten Schüler- und Teenagerdasein im ersten Bildungsweg deutlich mehr außerschulische Verantwortung und auch Belastungen mit sich.

Das Auszeit-Jahr nutzt Amir auch dazu, um sich bewusstzumachen, ob er sein Abitur eigentlich wirklich machen möchte und wenn ja, wofür. Im August 2021 beschließt er dann, den Weg zurück ans Berlin-Kolleg zu gehen. Hier fühlt er sich gut aufgehoben und beraten.

       „Kai, der schuleigene Sozialarbeiter, hilft einem auch bei außerschulischen Problemen, zum Beispiel beim Ausfüllen von Unterlagen, von denen ich keine Ahnung habe“

AMIR, Kollegiat am Berlin kolleg im Frühjahr 2023

Amirs Beschreibung deutet an, dass an Abendgymnasien und Kollegs eine intensive Beratung und Unterstützung auch in außerschulischen Belangen möglich ist, wie beispielsweise bei Fragen zur Sicherung des Lebensunterhalts. Das fällt Amir auch hier am Berlin-Kolleg auf und er ist dafür sehr dankbar.

       „Das Schüler-Lehrer Verhältnis ist hier ganz anders als auf der Schule im Iran‘.

AMIR, Kollegiat am Berlin kolleg im Frühjahr 2023

Aber nicht nur im Vergleich zum Iran, auch innerhalb des deutschen Schulsystems wird das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Lernenden im zweiten Bildungsweg von vielen als viel besser eingeschätzt, als ihnen dies aus ihrer ersten Schulerfahrung als Kinder und Jugendliche bekannt ist.

Amir ist seinen Pfad zum deutschen Abitur bisher noch nicht ganz zu Ende gegangen. Aber auf dem Weg dahin hat er schon jede Menge Hürden überwunden und Hindernisse ausgeräumt. An seinem Lebensweg sehen wir auf jeden Fall ein inspirierendes Beispiel dafür, wie wichtig und motivierend das Abitur für die Identitätsfindung eines jungen Menschen sein kann. Sein zukünftiger Abschluss am Berlin-Kolleg, aber auch die Beratung und Unterstützung, die er hier erfahren hat, eröffnen ihm hoffentlich die Chance auf einen besseren Arbeitsplatz und eine umfassende, auch kulturelle Anerkennung in seiner neuen Heimat Deutschland.


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„Khalida – porträtiert von Lucas“ (Teil 7 von 7) haben wir noch nicht veröffentlicht.